Echte Hilfe oder gefährlicher Schwindel?

Positives Denken

Echte Hilfe oder gefährlicher Schwindel?

Es gibt wohl kaum einen Menschen der noch keines gelesen hat und sie sind sicher auf beinahe jedem Regal zu finden. Fast täglich erscheint wieder ein neues, anscheinend noch besseres mit dem sicheren Rezept gegen alle unsere Wehwehchen: Bücher über „Positives Denken“.

Da erscheint ein sehr mutiges Buch, das all diese Thesen des Positiven Denkens durchleuchtet und sie in Frage stellt! Der Autor, Psychotherapeut Dr. Günter Scheich, zeigt in seinem Buch „Positives Denken macht krank...“, wie gefährlich es sein kann, alleine nur auf die Aussagen dieser „Gurus“ - wie er sie nennt – zu vertrauen! Besonders für Menschen mit psychischen Problemen, wie etwa Depressionen, kann das Lesen dieser Bücher zu einer echten Gefahr werden.

Was steckt seiner Meinung nach hinter diesem angepriesenen Positiven Denken?

Dr. Scheich sieht darin eine zwanghafte, aufgesetzte, verkrampfte Art des Positiven Denkens: „Denke immer positiv! Egal, was kommt. Egal, in welcher Verfassung du bist. Egal, wie die Umweltbedingungen aussehen!“ Vermittelt wird dies durch Suggestion und „schmalspurpsychologische“ Tricks. Es gibt natürlich nichts gegen gesunden Optimismus einzuwenden, der sich aus bestimmten Fähigkeiten eines Menschen oder bestimmten Umweltbedingungen ergibt. Schlimm ist nur dieses zwanghafte, einhämmernde Positive Denken, dass den Menschen in unheimlichen inneren Druck bringt. In der einschlägigen Literatur wird von Anfang bis zum Ende in ständiger Wiederholung den Lesern eingehämmert, dass es dem Menschen grundsätzlich schlecht geht. Darauf hin denke ich positiv, weil ich dazu in der richtigen Weise angeleitet wurde. Und auf einmal funktioniert alles! Süffige Beispiele sollen die Richtigkeit dieser Erfahrung betonen.

Bei den meisten Autoren solcher Bücher handelt es sich nicht um Fachleute mit professioneller Ausbildung. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema fehlt. Die Anbieter sind in der Regel Direktverkäufer, oder auch gelernte Verkäufer. Es ist natürlich nichts einzuwenden gegen Direktverkäufer usw – Dr Scheich möchte dabei lediglich aufzeigen, wer hinter diesen Gurus steckt und ein bisschen zum Nachdenken anregen.

Ein abschreckendes Beispiel einer Patientin von Dr Scheich, zeigt deutlich, wie gefährlich ein „Alleingang mit Buch“ für psychisch kranke Menschen sein kann: Die Patientin hatte schwere Depressionen und kam zu ihm. Im Laufe der Therapie stellte sich heraus, dass sie einen ganzen Bücherschrank voller Bücher zum Positiven Denken besaß, die ihr aber schlussendlich nicht helfen konnten. Die Frau verhielt sich stets sehr korrekt, kümmerte sich um alles, war allzeit bereit, die Schattenseiten des Lebens zu verneinen. Zum Schluss brach sie zusammen und war jahrelang eine schwer depressive Frau, die selbst dann nicht erkennen konnte, dass sie viele für die Selbstbehauptung wichtigen Gefühle, wie etwa Aggression, unterdrückte. Letztlich verlor sie auch ihre Menschlichkeit, da sie auf andere Menschen sehr maskenhaft und oberflächlich wirkte. Die anschliessende Behandlung dauerte Jahre!

Vertreter des Positiven Denkens versuchen leider bei den Lesern und Zuhörern ein Schwarz-Weiss-Denken zu erzeugen. Sie unterscheiden zwischen dem richtigen/guten und dem falschen/schlechten Denken. Dass aber negative Gedanken und Gefühle ebenfalls für die seelische Gesundheit wichtig sind, wird ignoriert. Der Mensch muss Grenzen setzten können, er muss erkennen, dass er etwas zu verlieren hat. Das Leben ist endlich und endet mit dem Tod. Dazwischen gibt es auch noch sehr viel zu verlieren, nicht nur zu gewinnen. Um gesund zu bleiben, braucht die Seele phasenweise auch den Negativismus. Bei Verlusten kann man nicht einfach zur Tagesordnung über gehen, man muss sich damit auseinandersetzen.

Mit dem Positiven Denken sollen Idealvorstellungen von absoluter Schönheit, Reichtum, Harmonie, Gesundheit und Intellektualität umgesetzt werden. Diese Ziele, hält man sie tatsächlich für machbar, können eigentlich nur frustrieren. Je unbeirrter man die angepriesenen Ideale für machbar hält, desto weniger wird man den Unterschied zwischen Soll- und Ist-Zustand akzeptieren können. Im Grunde werden mit dem Positivem Denken unreife Persönlichkeitsbilder und -strukturen vermittelt.

Positives Denken kann auch zu übertriebener Selbstkontrolle und schliesslich zu Identitätsverlust führen. Wer sein Denken permanent zu kontrollieren versucht, wird auf Dauer misstrauisch gegenüber seinen eigenen Gedanken. Die Gedanken sind nicht frei, sondern müssen in eine bestimmte, eben positive Richtung gelenkt werden. Unsichere Menschen kaufen solche Bücher und suchen darin Halt. Sicher ist jedoch, dass Gedanken gar nicht diese Sprengkraft, die man ihnen zubilligt, haben. Sie sind ein Spielball in unserer Orientierung in der Welt. Werden Gedanken aber derart funktionalisiert, dass sie Berge versetzen sollen, müssen wir zwangsläufig Angst vor unseren eigenen Gedanken bekommen.

Positiv-Denker sind perfekte Verdränger, weil nicht sein soll, was nicht sein darf. Ganze Lebensinhalte, die zu unserem Leben gehören, werden ausgeblendet. Positives Denken passt in unsere Gesellschaft, weil es nichts hinterfragt und den schönen Schein und die Erfolgsorientierung in den Vordergrund stellt. Die Methoden des Positiven Denkens beschränken sich auf ein einziges Mittel: Autosuggestion. Positiv-Denker merken schon gar nicht mehr, wie einfach das Mittel im Vergleich zum komplexen Ziel - totale Umstrukturierung der Seele, Veränderung der Welt - ist. Dr . Scheich glaubt, dass die Anbieter Positiven Denkens keine anderen Methoden kennen und sich daher auf diese Vereinfachungen beschränken, weil sie eben keine Fachleute sind. Überzeugtes Denken wirklich zu ändern, ist ausserordentlich schwierig, gerade weil das Denken in die gesamte Psyche eingebunden ist.

Dr. Scheich möchte aber in seinem Buch nicht nur kritisieren, er möchte auch einige Anregungen zur Selbsthilfe geben:

  • Als erstes sollen Ideale relativiert werden. Unsere Gesellschaft leidet eher unter zu vielen als unter zuwenig Idealen. Einer der Gründe für Depressionen sind ja genau diese überhöhten Erwartungen, die ein Mensch an sich und andere stellt. Wir müssen wieder lernen, dass wir eben nicht alles im Griff haben, dass wir ganz gewöhnliche Menschen sind.

  • Wir müssen uns vom sogenannten Stress-A-Typ trennen, der im Positiven Denken propagiert wird: "Erfolg ist alles. Jede Situation ist eine Bewährungssituation. Du kannst alles erreichen. Wenn Du es richtig machst, wirst du immer weiter aufsteigen." So ist das Leben nun einmal nicht. Das gesunde Leben ist eine gute Mischung aus Anspannung und Entspannung. Ein Mensch soll sagen können: "Ich lass' jetzt fünf grade sein". Entspannungsverfahren können hilfreich sein, sie sollten aber nicht darin bestehen, sich schon wieder für ein besseres Sein zu manipulieren. Möglichkeiten sind hier autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Yoga, sportliche Aktivitäten, Musik und vieles mehr.

  • Wir müssen erkennen, dass unser Erfolg und unser Wohlbefinden nicht nur vom Denken, sondern auch von Fähigkeiten abhängt. Es benötigt Zeit und Geduld, neue Fähigkeiten zu erlernen. Anstatt durch eine Erleuchtung von heute auf morgen ein anderer Mensch zu werden, kann es auch befriedigend sein, Schritt für Schritt neue Fähigkeiten zu erwerben.

  • Positives Denken kann dann hilfreich sein, wenn es auf bestehenden Fähigkeiten aufbaut. Wer beispielsweise auf eine Prüfung gelernt hat, sich aber vor einem Blackout fürchtet, kann diese Schwierigkeiten unter Umständen mit Positivem Denken überwinden. Wenn Sie sich aber sagen: "Ich gehe morgen in eine Prüfung und habe nichts gelernt. Ich denke positiv und stelle mir vor, wie ich die Prüfung bestehe", kann das nicht funktionieren.

  • Positives Denken sieht sich als universelle Methode, während Psychotherapie auf die individuelle Situation des Patienten eingeht und eine geeignete Methode wählt. Positives Denken suggeriert zwar, es gehe ums Individuum, letztendlich werden aber Allgemeinplätze verbreitet, in welchen der einzelne nicht vorkommt. Für mich findet hier eine starke Entwertung des Menschen und seiner tatsächlichen Möglichkeiten statt.

  • Psychotherapie, auch wenn sie von vielen Menschen mit Skepsis betrachtet wird, kann eine seriöse Hilfe sein.

Warum haben aber die Bücher über Positives Denken derart Erfolg?

Dr. Scheich sieht das so: „Die vermittelten Bilder des Positiven Denkens knüpfen sicherlich an unsere Sehnsucht nach dem Paradies an, passen aber auch zu unserer Bequemlichkeit. Vielfach ist es einfacher, im stillen Kämmerchen ein Buch zu lesen und zu glauben, es sei einem geholfen. Man braucht nicht öffentlich zuzugeben, dass man Hilfe braucht oder gar bei einem Psychotherapeuten in Behandlung ist.

Die hohen Anforderungen in unserer Gesellschaft bringen den Menschen im Grunde nur noch in Schwierigkeiten: Das Betriebsklima in der Arbeitswelt hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte stark verändert. Die Massenmedien produzieren viel Unbrauchbares und vermitteln uns eine Scheinwelt. In Fitness-Studios werden die Körper gestylt. Wenn die Menschen alles erreichen sollen, was ihnen an Idealen in der Gesellschaft vorgegeben wird, muss zwangsläufig ein Wunder geschehen. Positives Denken verspricht das Wunder auf Erden. Und erstaunlicherweise ist die materielle Komponente immer ganz oben angesiedelt. Die Rede ist zwar vom Geist und vom Glück, letztendlich ist die Materie aber wieder alles.“

Was sagt Runr dazu?

Für einen gesunden Menschen mögen Bücher über das Positive Denken sicher immer wieder eine Anregung sein, Dinge anders zu sehen. Grundsätzlich ist ja eine positive Denkweise richtig und gesund. Neueste wissenschaftliche Studien belegen auch, dass Menschen mit positiver Lebenseinstellung rund zehn Jahre länger leben. Doch das Leben ist eben nicht immer nur positiv, leicht und schön! Probleme gehören ebenso zum Leben, wie Angst, Aggression, Traurigkeit usw.. Daher sollte man stets den kritischen Blick beim Lesen eines Buches bewahren und versuchen, die „Spreu vom Weizen“ zu trennen. Für psychisch kranke Menschen ist immer noch der Weg zum Arzt bzw Therapeuten der einzig Richtige, um wieder gesund zu werden.

Das Buch „Positives Denken macht krank. Vom Schwindel mit gefährlichen Erfolgsversprechen.“ von Dr Scheich ist im Eichborn Verlag erschienen.

Kommentare

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13:36 Uhr / 20.03.2009 Peter schreibt:
Positives Denken

Auch die Plastische Chirurgie trägt viel zum positiven Denken bei. Zumindest bei einer Bekannten.

06:43 Uhr / 14.08.2009 Matthias schreibt:
Danke

Vielen Dank für den aufschlußreichen Artikel. Das Thema beschäftigte mich schon sehr lange. Dieser Artikel bringt die Gefahren konkret auf den Punkt und zeigt ganz deutlich auf, dass ausschließlich positives Denken labile Personen in einen Teufelskreis führen kann. Leider wird heutzutage mit solchen Psycho-Unfug oftmals viel zu viel Unfug betrieben. Matthias Link Text

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